Brauchtum

Das Blut wird flüssig

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Im Tal von Amaseno

Besuch beim Blutwunder von Amaseno

Amaseno ist ein kleiner Bergort auf halbem Weg zwischen Rom und Neapel. Obwohl das Städtchen mit seinen alten, malerischen Gassen in einem schönen Tal mit Olivenbäumen liegt und zahlreiche Sehenswürdigkeiten in der Umgebung zu finden sind, verirren sich kaum Touristen hierher. Es liegt wohl an der mangelnden Werbung für die Monti Ausoni, die Amaseno umgeben. So liegen die Wasserbüffel gelangweilt im Schatten, käuen wieder und produzieren die Milch für den Büffelmozzarella für den das Tal berühmt ist. Jetzt im August ist die Hauptattraktion in der Kirche Santa Maria Assunta zu finden, die sich in der würdevollen Gotik der Zisterzienser präsentiert.Italo Pisterzi, Pfarrer von Amaseno. ist sichtlich stolz. Gerne holt er für uns die Reliquie aus dem Schrank, der in der Seitenapsis der Kirche steht. Mit einer Taschenlampe leuchtet er das Glasfläschen an, das in einem vergoldeten und mit Engeln bekrönten barocken Reliquiar gehalten wird. Und wir sehen tatsächlich eine leuchtend rubinrote Flüssigkeit in der kleinen Ampulle wabern. Das ist das Blut des Heiligen Laurentius. Des Märtyrers der katholischen Kirche der vor genau 1750 Jahren am 10. August im nahen Rom hingerichtet wurde. Der kleine Eisenrost auf der Spitze des Reliquiars erinnert daran, dass er auf eben solchem von seinen Peinigern gegrillt wurde. Der Legende nach soll ein an der Hinrichtung beteiligter Soldat Blut des Sterbenden mit einem Lappen aufgefangen haben und in seinen Heimatort, eben nach Amaseno gebracht haben. Dort wiederholt sich nun seit Jahrhunderten, kurz vor dem Jahrestag des Martyriums das Wunder. Das eingetrocknete Blut wird wieder flüssig. Deutlich sieht man auch das Körperfett, das sich vom Blut trennt und die Asche die zu Boden gesunken ist. Alles wurde in dem Stofflappen vom tapferen Krieger hier her transportiert. Der Pfarrer weißt darauf hin, dass man auch einen kleinen Hautfetzen erkennt, der in der Flüssigkeit schwimmt. Und das Wunder der Verflüssigung geschieht dieses Jahr nicht erst am 9. August, wie üblich, sondern schon zwei Tage zuvor. Ist das ein gutes Omen für den Ort oder nur dem Jubiläum geschuldet? Auch Pisterzi weiss dies nicht.

Dabei wurde die Blutreliquie nicht von Anfang an auf wundersame Weise flüssig. Die Geschichte von Amaseno hat nämlich einen Haken. Man hat zwar römische Münzen und Artefakte in der Gegend gefunden aber einen Hinweis darauf, dass hier zur Zeit des Laurentius im 3. Jahrhundert zumindest eine kleine Siedlung stand, blieben die Archäologen schuldig. Erst im 11. Jahrhundert wissen wir von einer Burg. Und als 1077 die, zuvor von Kaiser Barbarossa niedergebrannte, Kirche neu geweiht wurde, berichtet ein Pergament aus diesem Anlass auch zum ersten Mal schwarz auf weiß vom Blut des Heiligen. Wo die Reliquie die acht Jahrhunderte zuvor überdauerte bleibt im Dunklen.

Die erste gesicherte Beschreibung des Blutwunders stammt aus dem Jahr 1649 von Paolo Aringhi, Mitglied der Oratorianer des Filippo Neri und bekannt durch eine erste wissenschaftliche Beschreibung der römischen Katakomben. Aringhi berichtet sehr ausführlich von der Verflüssigung, die er am Morgen des 9. August beobachten konnte. Er erwähnt auch, dass das erste Ereignis des Wunders Papst Paul V. zu Ohren kam, der darauf den Bischof von Ferentino bat, ihm ein paar Tropfen des roten Saftes zukommen zu lassen. Ob die Probe tatsächlich nach Rom kam, wissen wir nicht. Aber die Formulierung des Berichtes von Aringhi lässt keinen Zweifel daran, dass es vor der Regierungszeit Pauls (1605 – 1621) kein Blutwunder gab. Die Regierungszeit Pauls war geprägt von der Aufheizung des Konflikts zwischen Protestanten und Katholiken, der 1618 in den Dreißigjährigen Krieg mündete. Die Partei des Papstes sah ihre Felle davon schwimmen. Ein europäisches Land nach dem anderen lief zu den Lutheranern und Calvinisten über. Man brauchte dringend Wunder, und sei es das Blut des Laurentius in einem Bergdorf südlich von Rom.

Heute stehen wir nun vor dem Fläschen und diskutieren mit dem Pfarrer in sachlicher Athmosphäre. Kein Weihrauch liegt in der Luft, keine Sphärenmusik erklingt und in mir als Nichtkatholik wächst das Bedürfnis den Doppelten Boden zu finden. Ich bin nicht der Einzige. Erst vorgestern bettelte ein Team des italienischen Fernsehsenders RAI um einige Tropfen, um sie chemisch untersuchen zu lassen. Ein Wunsch dem natürlich nicht nachgekommen wurde. Vor einiger Zeit hatte der Kriminalbiologe Mark Bernecke im Auftrag des ZDF das Blut des San Gennaro in Neapel untersucht, das zu ähnlichen Wundern neigt. Natürlich ebenfalls nur von Außen. Aber es gelang ihm im Labor mit Eisenchlorid, Eierkalk und Wasser, Substanzen die auch im Mittelalter leicht erhältlich waren, eine rote Substanz herzustellen, die geleeartig ist und durch Schütteln flüssig wird und wie Blut aussieht. Tatsächlich dreht der Bischof von Neapel das Fläschchen mit dem Blut des Gennaro auch stundenlang wie eine Eieruhr, bis das Wunder eintritt.

Italo Pisterzi kontert trocken und zeigt auf den Rand der Ampulle. Tatsächlich ist dort das Glas zerbrochen und nicht mehr dicht. Flaschendrehen geht in Amaseno nicht. Ob das ständige Rein- und Rausstellen des Reliquiars ausreichend Bewegung für eine Verflüssigung ist, kann ich schwer beurteilen. Luigi Garlaschelli, Chemieprofessor aus Pavia hat eine andere Theorie. Er durfte sich vor einiger Zeit mit der Reliquie in Amaseno beschäftigen und es gelang ihm das vermeintliche Blut durch Kühlen und anschließendes vorsichtiges Erwärmen mit einem Fön zum Wechsel des Aggregatzustand zu bewegen. Er meint der Trick bestehe darin, das Reliquiar von seinem kühlen Aufbewahrungsort auf den von Kerzen erhitzten Altar zu stellen. Doch von Kerzen, geschweige denn einem Fön ist an diesem Vormittag weit und breit nichts zu sehen.

Mit der Zeit überlege ich ob das denn alles überhaupt so wichtig ist. Pisterzi versucht eigentlich gar nicht mir das Heilige Blut als echt zu verkaufen. Er möchte nur den Ablauf des „Wunders“ im Ungewissen behalten. In Süditalien, und das beginnt in etwa hier auf der Höhe von Amaseno, gehören Wunder zum Alltag, wie Heimsiege des SC Neapel oder Prozesse gegen korrupte Politiker. Niemand möchte wissen wie das funktioniert.

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Die Pfarrkirche wird für die Prozession vorbereitet

Bei der Prozession am Samstag abend ist dann das Blutwunder fast ein bißchen zur Nebensache geworden. Die Blutreliquie, die an den Zuschauern, fast nur Einheimische, vorbei getragen wird, wird registriert. Viel wichtiger ist, dass man seine Verwandten und Bekannten im Zug entdeckt und ihnen ein paar Worte zuruft. Es sieht auch niemand als schlechtes Omen an, als sich mit lautem Donnern ein Gewitter ankündigt. Immerhin deutet der Pfarrer die Wetterlage richtig. Die Blutreliquie wird fast unbemerkt von den Amasenensi aus der Prozession gelöst und im Laufschritt zur Kirche zurück gebracht. Gerade rechtzeitig bevor ein Wolkenbruch die Menschenmassen in die umliegenden Bars und Pizzerien treibt. Rechtzeitig zum Feuerwerk sind die Strassen wieder trocken und die alte Blutkonserve wieder in ihrem Schrank verstaut. Egal ob sie nun aus Eisenchlorid, rotem Kerzenwachs oder tatsächlich den Körperflüssigkeiten eines vor 1750 Jahren gestorbenen Mannes besteht. Sie bietet den Grund, dass sich alle Bewohner von Amaseno zu einem großen Fest zusammenfinden. Und das Wunder bietet auch Halt in einer Zeit, in der man nicht weiß ob man im nächsten Jahr noch seinen Arbeitsplatz hat. Ob man im Lotto gewinnt oder Schulden macht. Das Blut des Heiligen Laurentius wird sicher auch zum nächsten 10. August wieder flüssig sein.

Quelle: Homepage der Gemeinde Amaseno, Kirchengemeinde, Seite von Mark Bernecke

Buchtipp

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Buchung und Auskunft unter: info@stadtbesichtigungen.de
oder Telefon: +39 – 346 – 8533377

Lage der Pfarrkirche Santa Maria Assunta in Amaseno:

 

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